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Aktuellzum Archiv:Auktions-Vorbericht

Recht international hat das Dorotheum sein Angebot an Gemälden des 19. Jahrhunderts ausgebaut und versammelt ein Europa über Grenzen hinweg

Wo liegen denn die Elaphiten?



Luigi Querena,  Der gesegnete Doge Francesco Morosini verlässt im Jahr 1693 Venedig, 1865

Luigi Querena, Der gesegnete Doge Francesco Morosini verlässt im Jahr 1693 Venedig, 1865

Die Familie Morosini hat insgesamt vier Dogen gestellt. Drei regierten im Mittelalter, der letzte, Francesco Morosini, ab 1688 auf dem Höhepunkt des Großen Türkenkriegs. Lange konnte sich der erfahrene Flottenkommandant nicht an der Spitze Venedigs halten. Denn er war schon 70 Jahre alt, als er das Dogenamt übernahm. Zudem musste er noch häufiger gegen die Türken nach Griechenland und in die Ägäis ausrücken, wo er auch am 6. Januar 1694 vor Nauplia starb. Knapp 200 Jahre danach malte Luigi Querena ein staatstragendes Ereignis aus Morosinis Leben: Der feierliche Auszug des Dogen mit dem Bucintoro in die Schlacht gegen die Osmanen, nachdem der venezianische Senat Morosini 1693 erneut die Führung der Flotte übertragen hatte. Das breite Format des Gemäldes – es misst beinahe zwei Meter – erlaubt Querena eine detaillierte Ansicht des Bacino di San Marco, das mit Booten, Gondeln und Menschen überfüllt ist. Querenas Detailfreude ist auch in den Bauwerken sichtbar, beginnend mit der Riva degli Schiavoni, dem Dogenpalast, der Biblioteca Marciana sowie Santa Maria della Salute und der Dogana auf der gegenüberliegenden Seite des Canal Grande. Da das Gemälde über 100 Jahre in einer italienischen Privatsammlung beheimatet war und nun marktfrisch beim Dorotheum auftaucht, sollte den veranschlagten 200.000 bis 300.000 Euro und damit dem neuen Auktionsrekord nichts im Wege stehen.


Der Sehnsuchtsort Venedig beflügelte vor allem seit dem 18. Jahrhundert immer wieder die Maler, die ihre zahlreichen Veduten von der Lagunenstadt nicht zuletzt als Erinnerung für die zahlreichen Touristen schufen. Davon zeugt der Katalog zur Auktion „Gemälde des 19. Jahrhunderts“ im Wiener Dorotheum. Von den rund 190 Kunstwerken entfallen allein rund zwanzig auf Veduten der Serenissima oder aus der venezianischen Lagune. Höhepunkte neben Querena sind dabei Ludwig Mecklenburgs geschäftiges Treiben einiger Händler an der Riva degli Schiavoni mit Blick über Segelbooten auf San Giorgio Maggiore bei diesigem Wetter von 1860 (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR), Giovanni Grubacs’ nächtliches Fest auf der Piazzetta vor dem Dogenpalast (Taxe 25.000 bis 35.000 EUR), Félix Ziems impressionistischer Sommertag im Bacino von San Marco mit den strahlend weißen Segeln eines Zweimasters vor sattblauem Himmel (Taxe 40.000 bis 50.000 EUR) oder Frans Vervloets malerischer Ausschnitt mit der Fassade von San Sebastiano und dem davorliegenden Kanal von 1836 (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR). Alfred Zoff hat sich etwas weiter wegbewegt und einige Schiffe im Hafen von Chioggia am frühen Abend eingefangen (Taxe 15.000 bis 18.000 EUR).

Auch über die Venedig-Veduten hinaus reden die italienischen Künstler ein gewichtiges Wort in der Versteigerung mit, etwa die Genremaler Giovanni Battista Torriglia mit dem „Blinde-Kuh-Spiel“ mehrerer Kinder in der bäuerlichen Küche (Taxe 50.000 bis 70.000 EUR) oder Eugenio Zampighi, der seine „Glückliche Familie“ zwar mit Großeltern, aber ohne Ehemann, dafür mit zwei Frauen ausgestattet und ebenfalls in der Küche angesiedelt hat (Taxe 18.000 bis 22.000 EUR). Mit weniger übertriebenem Affekt hat Andrea Tavernier seine im Gras sitzende, konzentrierte, junge Näherin vor einem Bergbauernhof locker und mit dichtem Impasto auf die Leinwand geworfen (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR). Auch Federico Zandomeneghi hat sich der Weiblichkeit angenommen und eine sommerlich gekleidete Heranwachsende der höheren Gesellschaft bei der Lektüre eines Buches eingefangen (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR).

In den Osten

Gut vertreten sind beim Dorotheum wieder Künstler von den Anrainerstaaten der Adria auf dem Balkan, etwa der Kroate Mato Celestin Medovic, der seinen Blick über eine weite unspektakuläre violett blühende Landschaft schweifen lässt, die an die Heide in Deutschland erinnert, aber wohl eher von der heimatlichen Halbinsel Pelješac inspiriert ist (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR). Recht gemütlich hat es sich bei dem Serben Paul Joanovits im Jahr 1900 ein alter albanischer Krieger gemacht und pafft genüsslich an einer langen Pfeife, während er zeitgleich an seinem Rotwein schlürft (Taxe 50.000 bis 70.000 EUR). Im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn kam 1867 der Slowene Ivan Grohar in den Julischen Alpen zur Welt. Dort entwickelte er auch die Themen seiner Gemälde und nahm 1897 eine junge Frau beim Zurechtmachen „Vor der Hochzeit“ in nachdenklichem Gestus auf (Taxe 20.000 bis 25.000 EUR).

In eine serbischen Familie im herzegowinischen Mostar wurde 1897 Milivoj Uzelac geboren, zog 1912 ins kroatische Zagreb und wanderte mit Mitte Zwanzig nach Frankreich aus. Hier erhielt er 1924 den Auftrag zum Portrait von Silvia Villars und ihren beiden Kindern Jean-Pierre und Lieselotte, das mit seiner dezidiert modernen Bildsprache und Farbwahl nicht mehr recht zur Kunst des 19. Jahrhunderts passen will (Taxe 30.000 bis 35.000 EUR). Auch sein kroatischer Kollege Mirko Racki wäre mit seinem farbintensiven Sonnenuntergang auf den Elaphiten besser im Moderne-Programm des Dorotheums aufgehoben (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR). Konkurrenz um den Spitzenplatz erhält Luigi Querena von dem Polen Alfred von Wierusz-Kowalski, der eine charakteristische „Heitere Kutschfahrt“ zur Sommerszeit auf staubiger Landstraße für ebenfalls ambitionierte 220.000 bis 280.000 Euro zur Verfügung stellt.

Da sind die Maler Russlands nicht weit, unter denen diesmal Alexej Harlamoff mit seinem bezaubernden Portrait eines jungen Knaben, verträumt blickend unter dunklen Locken, für 30.000 bis 40.000 Euro herausragt. Um ihn gruppieren sich etwa Andrei Petrowitsch Rjabuschkin mit seiner biblischen Historie der Befreiung Petri aus dem Kerker durch einen Engel (Taxe 20.000 bis 25.000 EUR) oder zwei Winterlandschaften mit Pferdeschlitten. In eine hat Konstantin Yakovlevich Kryzhitsky 1886 Eisschneider bei ihrer Tätigkeit integriert (Taxe 22.000 bis 28.000 EUR), Jewsei Jewsejewitsch Moissejenkos recht traditionelle Version von 1974 kommt ganz ohne Menschen aus (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR). Der 1859 im böhmischen Wran geborene Tscheche Jaroslav Friedrich Julius Vesin, der an den Kunstakademien in Prag und München studierte und dann in der Slowakei und später vor allem in Bulgarien tätig war, lässt auf seiner tief verschneiten weiten Landschaft zwei Pferde schwer an einem Schlitten ziehen, in dem sich zwei junge Bäuerinnen vergnügt amüsieren (Taxe 28.000 bis 35.000 EUR).

Heimatgefühle

Doch auch das Österreichische kommt beim Dorotheum nicht zu kurz. Einen Panoramablick über Wien lässt der gebürtige Berliner und bei KPM zum Porzellanmaler ausgebildete Johann Heinrich Hintze an einem heiteren Tag schweifen und hat sich dazu im Garten des Belvedere postiert (Taxe 14.000 bis 18.000 EUR). Josef Mayburger nimmt uns dann zum kleinen, heute touristisch geprägten Ort Steinbach am Attersee mit und gibt eine sonnige Fernsicht bis zur Drachenwand frei (Taxe 12.000 bis 16.000 EUR). In diese Preiskategorie reiht sich Carl Geylings Blick auf die Kirchen von Kalksburg und Rodaun, 1842 noch vor den Toren Wiens gelegen, exakt ein, während seine ein Jahr jüngere, gleich große Ansicht auf die Kirche und Kaserne von Mauer ebenso ländlich ist, aber nur 9.000 bis 12.000 Euro einbringen soll.

Robert Russ gewährt einen Blick in den teils ruinösen Hof der Burg Petersberg in Friesach in Kärnten und hat die Renaissance-Anlage, die 1673 durch einen Brand weitestgehend zerstört wurde, 1879 mit Landleuten ausstaffiert (Taxe 30.000 bis 50.000 EUR). Auch für andere Gattungen österreichischer Malerei listet der Katalog treffende Beispiele: Josef Lauer ist etwa für ein hübsches Blumenstillleben in einer Glasvase mit rotem geschliffenem Überfang zuständig (Taxe 20.000 bis 25.000 EUR), Friedrich von Amerling für die wiederentdeckte, junge Biedermeierschönheit im Profil von 1837, die gedankenverloren in einem Brief liest (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR). Julius von Blaas war auf die Tiermalerei spezialisiert und hat um 1890 einen „Ausritt zur Parforcejagd“ mit Schimmel und Braunem gestaltet (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR).

Seit dem 17. Jahrhundert sind in habsburgischen Landen sogenannte „Läufer“ nachweisbar, die sich auf die schnelle Übermittlung von Nachrichten spezialisiert hatten. Mit dem aufkommenden Postwesen wurde der Berufsstand zunehmend obsolet, hielt sich bis in 19. Jahrhundert aber noch als sportliche Disziplin und veranstaltete ab 1822 im Rahmen des Maifestes jährlich Rennen im Prater. Den Aufmarsch der schmucken Läufer am 1. Mai nach absolviertem Wettbewerb mit den drei fahnentragenden Siegern hat Alois Schönn in ein über zwei Meter breites Format gegossen (Taxe 35.000 bis 45.000 EUR). Auf ein historisches Ereignis hat sich Louis Braun bezogen und die Schlacht des bayrischen Oberst Karl Freiherr von Ditfurth im April 1809 gegen die aufständischen Tiroler Freiheitskämpfer vor der Hospitalkirche in Innsbruck dramatisch ins Bild gesetzt (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR). Eine ebenso konkrete Historie, diesmal aber einen sportlichen Wettkampf, hat der Franzose Jean-Henri Marlet verewigt: Das berühmte Schachspiel zwischen dem Briten Howard Staunton, der zu seiner Zeit als bester Schachspieler der Welt galt, und seinem französischen Herausforderer Pierre Saint-Amant am 16. Dezember 1843 im Pariser Café de la Régence. Gewonnen hat damals Staunton, und Marlet schmuggelte unter die anwesenden Berühmtheiten humorvoll einen Schlafenden (Taxe 10.000 bis 15.000 EUR).

In den Westen und darüber hinaus

Impressionistisch wird es mit Eugène Boudin, der auf seiner 1891 gemalten ruhigen Hafenansicht von Dunkerque den Wolken am Himmel den größten Platz einräumt (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR). Zu den Favoriten der Versteigerung zählt dann noch seine ein Jahr jüngere Ansicht des „Quai à Villefranche“ bei gleichfalls bedecktem Himmel für 150.000 bis 200.000 Euro. Der 1756 in Tilburg geborene Cornelis van Spaendonck folgte seinem zehn Jahre älteren Bruder Gérard nach Paris, wo er auch 1840 starb. 1817 malte er hier eines seiner atmosphärischen Blumenstücke mit Rosen, Flieder, Tulpen und anderen Blumen in einem Korb (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR). In seiner holländischen Heimat blieb der 1822 in Den Haag geborene Jan Weissenbruch und fand hier die Motive für seine Kunst, etwa die realistische Ansicht einer Gracht in Dordrecht an einem klaren Tag (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR).

Der Belgier Petrus van Schendel ist für seine nächtlichen Marktszenen berühmt. Um 1852 hat er aus seinem Großformat mit dem Fischmarkt in Rotterdam einige Figuren extrahiert und sie neu zu einem Einkauf auf einem Geflügelmarkt arrangiert, der nur durch eine Kerze und den nicht sichtbaren Mond effektvoll beleuchtet wird (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR). Nach Spanien geht es dann noch mit Emilio Sánchez Perrier und seiner ruhig daliegenden Flusslandschaft samt einsamem Angler auf einem Querformat (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR). Einige Orientalisten weiten den eurozentrischen Fokus über die Grenzen des Kontinents hinaus, unter anderem der Italiener Gustavo Simoni zu zwei Waffenhändlern auf einem Aquarell des Jahres 1892 (Taxe 8.000 bis 12.000 EUR) oder Marie Müller als eine der wenigen Künstlerinnen der Auktion zu dem innigen Bildnis einer Ägypterin beim Spielen der Tanbura (Taxe 6.000 bis 8.000 EUR).

Die Auktion beginnt am 9. November um 16 Uhr. Die Besichtigung ist bis zum Auktionsbeginn täglich von 10 bis 17 Uhr, sonntags von 14 bis 17 Uhr möglich. Der Internetkatalog listet die Objekte unter www.dorotheum.com.

Kontakt:

Dorotheum

Dorotheergasse 17

AT-1010 Wien

Telefon:+43 (01) 515 60 0

Telefax:+43 (01) 515 60 443

E-Mail: client.services@dorotheum.at

Startseite: www.dorotheum.com



06.11.2021

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Ulrich Raphael Firsching

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